Der Behinderten- und Rehabilitationssport in der aktuellen Situation - Ein Gespräch mit Karl Peter Bruch, dem Präsidenten des BSV Rheinland-Pfalz

erstellt am: 4. Juni 2020

 

Sport treiben in Zeiten der Corona-Pandemie ist für viele Menschen von markanten Einschränkungen geprägt. Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen trifft es aber häufig besonders hart. Die jüngsten Lockerungen in den Verordnungen haben aber zu einer spürbaren Erleichterung geführt. Der Präsident des Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes Rheinland-Pfalz (BSV), Karl Peter Bruch, erläutert im Interview, wie sich die vergangenen Monate auf den Behindertensport im Land ausgewirkt haben – und was sich jetzt an Entspannung abzeichnet.

Herr Bruch, die gesamte Gesellschaft hat in den vergangenen drei Monaten mit sehr starken Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie leben müssen. Inwiefern war und ist die Situation für den Behindertensport trotzdem eine ganz besondere?

Menschen mit Behinderungen sind, vor allem was den Sport angeht, gleich doppelt betroffen. Sehr viele gehören zu den Hochrisikogruppen, weil sie zum Teil massive Vorerkrankungen haben oder weil ihr Körper ohnehin geschwächt ist. Für viele ist aber die sportliche Betätigung besonders wichtig, oft sogar lebenswichtig – denken wir nur an den Lungensport oder an COPD-Erkrankungen. Wir als Verband befinden uns dadurch in einem klassischen Dilemma: Wir müssen einerseits die Menschen schützen, andererseits aber auch zum  Sport ermuntern. Und das birgt natürlich Risiken.

 Was gilt es denn konkret im Behindertensport besonders zu beachten?

Neben dem höheren gesundheitlichen Risiko ist vor allem die Einhaltung der Abstandsregelungen besonders schwierig. Zum einen, weil manche Menschen mit Behinderungen  körperliche Hilfestellungen benötigen, aber noch stärker zum Beispiel bei manchen geistigen Beeinträchtigungen. Je nach Art der Behinderung ist das wichtige Vermeiden von Körperkontakt so gut wie gar nicht vermittelbar, häufig brauchen und suchen diese Menschen intensiv die körperliche Nähe. Und in manchen Sportarten kommt es ja außerdem naturgemäß zu ganz besonders engem Körperkontakt. Das stellt für die Betreuer im Alltag, aber auch für die Übungsleiter im Sport eine beondere Herausforderung dar.

 Wie geht der Verband mit diesem Dilemma um?

Zum einen haben wir aus unserer besonderen Verantwortung heraus alle unsere Landesmeisterschaften ab Mitte März abgesagt und auch im Freien alle Großveranstaltungen bis einschließlich Oktober. Zum anderen haben wir aber auch unsere Servicefunktionen gegenüber den Vereinen noch intensiver wahrgenommen – vor allem in Bezug aufs kontinuierliche Versorgen mit wichtigen Informationen und auf Hilfestellungen im Kontakt mit Institutionen. Wir haben übrigens ein sehr positives Feedback darauf bekommen, dass wir unsere Mitgliedsvereine per Mail ständig auf dem neusten Stand gehalten haben. Insgesamt war die Situation sehr schwierig, aber seit der jüngsten Verordnung vom 27. Mai stellt sie sich ein klein wenig entkrampfter dar.

 Was ist jetzt leichter geworden?

Auch Sport in der Halle ist nun grundsätzlich wieder möglich. Das hilft schon klar weiter, wobei man vor übertriebenen Erwartungen warnen muss. Viele Vereinsverantwortliche und Übungsleiter sagen uns, dass eine Wiederaufnahme des Behinderten- und Rehasports ihnen, aus den oben genannten Gründen, noch zu riskant erscheint.

 Was bedeutet denn diese lange Pause des Sportbetriebs für die Vereine im Behinderten- und Rehabilitationsbereich?

Je ein Viertel unserer rund 400 Vereine sind im Gesundheitssport oder im reinen Behindertensport aktiv. Die andere Hälfte besteht aus speziellen Behindertensparten in klassischen Sportvereinen oder aus inklusiv gemeinsam betriebenem Sport. Der Rehasport kann oft nur deshalb angeboten werden, weil er sich über Erstattungen der Erstattungen der Sozialversicherungen statt der sonst üblichen Mitgliedsbeiträge finanziert. Mitgliedsbeiträge laufen ja in der Regel weiter, aber die Erstattungen fallen einfach weg. Das trifft manche Vereine schon hart.   

 Welche Hilfe konnte der Verband denn in diesen wichtigen Punkten bieten?

Das BSV-Präsidium hat gleich zu Beginn der Pandemie beschlossen, dass die eigentlich zum 31. März fälligen Mitgliedsbeiträge den Vereinen gestundet werden können. Das  Angebot haben eine ganze Reihe unserer Mitgliedsvereine genutzt. Wir haben in vielen Fällen schon gezahlte Beiträge zurücküberwiesen und generell unsere Einzugsermächtigungen nicht realisiert. Als gemeinnütziger Verein dürfen wir zwar nicht auf diese Beiträge verzichten, aber hier ging es zunächst einmal um Soforthilfen und um die Erhaltung der Liquidität.

 Das hilft den Vereinen sicher weiter, aber es ist ja nur eine begrenzte Hilfe...

Ja – und deshalb sind wir natürlich auch darüber hinaus sehr aktiv. Auf unsere Initiative hin haben sich zum Beispiel die Kassen bereiterklärt, nicht halbjährlich ihre Beiträge an die Vereine zu zahlen, sondern sie dierekt abzurechnen. Oder noch ein Punkt: Ärztliche Verordnungen – also zum Beispiel wenn 50 Anwendungen auf 18 Monate verschrieben wurden – werden um den Corona-Zeitraum in der Laufzeit verlängert.

 Gibt es noch weitere Beispiele für diese Hilfen im Detail?

Selbstverständlich. Die Zahlungen der Sozialversicherungen, die für eine Rehasportgruppe, die normalerweise in der Halle stattfindet, gewährt wurden, gelten jetzt auch, wenn dieser Sport jetzt im Freien ausgeübt wird. Oder in der Aus- und Fortbildung gibt es unbürokratische Lösungen. Die Übungsleiter müssen in der Regel alle zwei bis vier Jahre ihre Lizenz auffrischen. Wir reden in unserem Bereich von 2500 Übungsleitern, für die wir in normalen Zeiten rund 130 Veranstaltungen pro Jahr anbieten. Da gibt es jetzt natürlich einen gewaltigen Stau, aber die Lizenzen, die jetzt auslaufen, werden jetzt unbürokratisch für bis zum einem Jahr verlängert. Für uns bedeutet dies aber mit Blick in die Zukunft eine zusätzliche Herausforderung in der Nach-Corona-Zeit, denn die Übungsleiter möchten ja auch an Fortbildungen teilnehmen. Daher werden wir versuchen im 2. Halbjahr noch möglichst viele zusätzliche Lehrgänge anzubieten.

 Der Verband hat also viel für seine Mitgliedsvereine getan. Aber wie steht er selbst da?

Die institutionelle Förderung durch das Land ist natürlich die Basis dafür, dass wir unsere Servicefunktionen aufrecht erhalten und sogar ausweiten konnten. In dieser Ausnahmesituation zahlt sich besonders aus, dass unser Verband über viele Jahre ein hervorragendes Verhältnis zur Politik und zu Institutionen über alle Parteigrenze hinweg gepflegt hat. Das gilt in besonderem Maße auch für unsere verlässlichen Partner – allen voran natürlich Lotto Rheinland-Pfalz.