Wenn hochbegabte Jugend-Fußballer auf Krücken kicken

erstellt am: 31. Januar 2019

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Efecan

Noel

Noel

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BSV und die U11 der TuS Koblenz veranstalteten eine ungewöhnliche Trainingseinheit

Koblenz. Verkehrte Welt der Inklusion? Eigentlich geht es ja bei beim Gedanken des alltäglichen Miteinander von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung darum, die Menschen mit Behinderung möglichst komplett am Leben der Nichtbehinderten teilhaben zu lassen. Aber umgekehrt? Auch das kann sehr sinnvoll sein, wie der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) und die Jugendabteilung der TuS Koblenz bewiesen.

 

Talentierte jungen Fußballer dribbeln durch die Halle, passen sich die Bälle zu und üben Torschüsse. Was wie eine ganz normale Trainingseinheit der U11 der TuS Koblenz klingt, ist in diesem Fall gelebte Inklusion – eben nur andersrum. Denn die Nachwuchskicker üben ihren Sport an diesem Abend auf Krücken aus. Und das dient dem Verständnis von Menschen mit Behinderung. Durch eigenes Erleben.

Entstanden ist die Idee auf einem Dorfsportfest. Dort trafen sich der vielleicht beste Amputierten Fußballer Deutschlands, Christian Heintz, TuS-Nachwuchstrainer Mike Welzel und BSV-Sportreferent Dominic Holschbach. Wie wäre es denn, wenn man mal hochbegabten Jugendfußballern die Chance gäbe, ihre eigenen Erfahrungen mit Leistungssport unter den Bedingungen eines behinderten Athleten machen zu lassen? Und bald wurde aus dem Gedankenaustausch eine ungewöhnliche Übungseinheit.

Der TuS-Trainer musste seinen Partner als Übungsleiter der U11 nicht lange überzeugen. Christian Sievers studiert Sport, für ihn war sofort klar: „Den Jungs mal diesen Perspektivwechsel zu ermöglichen, selbst zu erleben, wie es ist, mit einer Beeinträchtigung zu spielen – davon war ich sofort begeistert.“

Mike Welzel arbeitet mit den meisten in der Truppe, die eigentlich noch E-Jugend spielen könnten, aber schon in der D-Jugend antritt, um entsprechend starke Gegner zu haben, schon seit vier Jahren. Und so war er nicht überrascht, dass die Zehn- und Elfjährigen sich nach dem ersten Erstaunen auf die ungewöhnliche Trainingseinheit freuten – zumal durch Videos und Gespräche eine zielgerichtete Vorbereitung erfolgte.

Für Dominic Holschbach war die positive Einstellung der Jungs ebenfalls keine Überraschung. Der BSV-Sportreferent hat schon mehrfach mit Schülern Veranstaltungen organisiert, bei denen die jungen Sportler in die Rolle von behinderten Athleten schlüpfen können. „Das ist gelebte Inklusion. Wer schon in jungen Jahren versteht, wie sich ein Mensch mit Beeinträchtigung fühlt, der lernt was fürs Leben. Die Kinder sehen, dass man auch mit Krücken ganz normal Fußball spielen kann, wenn man regelmäßig trainiert.

Ganz entscheidend zum Erfolg des „Krücken-Trainings“ trug der Hauptakteur des Abends bei. Christian Heintz (35) ist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft der Amputierten Fußballer. Nach einem Autounfall im Jahr 2010 wurde dem Verbandsliga-Fußballer der rechts Unterschenkel amputiert. Mit dem geliebten Fußball aufhören wollte er jedoch nicht. Und so arbeitete er hart daran, auch auf Krücken ein hohes spielerisches Niveau zu erreichen.

Zum Jahresbeginn konnte er sein Hobby zum Beruf machen. Als Mitarbeiter des in Hoffenheim ansässigen Vereins „Anpfiff ins Leben“ ist er nun offiziell in ganz Deutschland unterwegs, um zu zeigen, dass man auch auf Krücken und mit nur einem Bein sehr gut Fußball spielen kann.

Und wie erlebten die Nachwuchsfußballer die Trainingsstunde auf Krücken? Das Fazit ist schnell gezogen: Alle waren begeistert von der neuen Erfahrung und beeindruckt, welche Fähigkeiten man braucht, um auch mit Krücken erfolgreich am Ball zu agieren. Vor allem, welche Anforderungen diese Variante an die Koordination und an die Kraft in Händen, Armen und Oberkörper stellt. Und jede Menge Spaß machte das Ganze obendrein.

Bildtexte:

 

Efecan: „Für mich war es bisschen leichter, weil ich mir vor ein paar Wochen den Fuß gebrochen hatte und einige Zeit an Krücken laufen musste. Trotzdem war es auch für mich schwierig, mit dem Ball am Fuß das Gleichgewicht zu halten.“

                                          

Noel: „Die Koordination ist schwierig, wenn man auf alles gleichzeitig achten muss: die Ballführung und das auf den Krücken laufen. Ich musste vorher anhalten, als ich schießen wollte. Aber die neue Erfahrung, wie Behinderte sich fühlen, hat großen Spaß gemacht.“

 

 

Maximilian: „Am meisten hat mich überrascht, wie anstrengend das war. Vor allem in den Armen braucht man richtig Kraft. Den Ball zu führen, ohne draufzugucken, das geht fast gar nicht. Ich konnte den Kopf nicht hochnehmen, wie wir es sonst immer üben.“