Wenn man den Ball nicht klingeln hört - Behindertensport Angehende Erzieher im Selbstversuch: Ballspiel ohne Augenlicht oder im Rollstuhl

erstellt am: 6. August 2015

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Koblenz. „Nach links! Nach links! Und jetzt nach vorne! Schieß'! Jetzt schieß' doch!“ Im Mehrzweckraum der Hildegard-von Bingen-Schule geht es ungewohnt laut zu. Und  ausgesprochen lustig. Dabei hat die Veranstaltung einen ernsthaften Hintergrund: Angehende Sozialassistenten, Erzieher und Erzieherinnen versuchen sich in einer fremden Welt, die für ihr späteres Berufsleben allerdings von großer Bedeutung werden kann. Sie treiben Behindertensport.

Özkan Tanis, Sachbearbeiter Lehrgangswesen beim Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV), hat ein Konzept für einen Unterrichtstag zusammengestellt, an dem die jungen Frauen und Männer eine sehr konkrete Vorstellung davon bekommen, wie es ist, wenn man eine Sportart mit einer körperlichen Beeinträchtigung ausübt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten grundlegende Informationen über den Behindertensport. Aber vor allem dürfen sie selbst ausprobieren, wie es ist, wenn man im Rollstuhl sitzt und dabei Basketball spielt. Oder wenn man dem runden Leder nachjagt, aber ohne den Fußball zu sehen. Weil einem nämlich eine Augenbinde das Sehvermögen nimmt. Oder wie man Volleyball spielt – allerdings im Sitzen.

Der Referent hat sich prominente Unterstützung mitgebracht. Heiko Wiesenthal ist nicht nur als Sitz-Volleyballer ein Behindertensportler von Weltklasse-Format, der mehrfach Deutscher Meister wurde und mit dem Nationalteam 2012 bei den Paralympics in London Bronze gewann. Er hat zudem viele Jahre lang als Faustballer bei Rot-Weiß Koblenz bewiesen, dass ein  Sportler mit Behinderung auch in einem Spitzenteam der Nicht-Behinderten ein Leistungsträger sein kann. Inklusion im Spitzensport ist ein Aspekt seiner einzigartigen Laufbahn.

Inklusion im Alltag ist das Thema des Projekttages in der Hildegard-von-Bingen-Schule. Gemeinsamer Unterricht – und damit auch gemeinsamer Sport – wird zunehmend zur Selbstverständlichkeit: in Schulen und in Kindertagesstätten.

Die erste große Überraschung erleben die Behindertensportler auf Zeit, als sie sich im Sitzvolleyball versuchen. Das Pendant im Stehen kannte jeder aus dem Schulunterricht. Der 17-jährige Janusch Mathold ist sehr beeindruckt: „Ich hätte nie gedacht, wie unglaublich anstrengend Sitzvolleyball ist.“

Noch vielfältiger und intensiver werden die Erfahrungen dann beim Blindenfußball. Özkan Tanis lässt zuerst den kleinen weichen Ball rundgehen. Aus dem Spielgerät ist ein Geräusch zwischen Klingeln und Rascheln zu hören, wenn man es schüttelt.

Dann folgt Stufe eins des Selbstversuchs. Eine Augenbinde sorgt dafür, dass man wie ein Blinder laufen muss. Mit dem Ball am Fuß versuchen mehrere Schülerinnen und Schüler, einen kleinen Parcours aus Plastikhütchen zu umdribbeln.

Man merkt schnell: Das Geräusch des Balles ist nicht laut genug, das Klingeln fast nicht zu vernehmen. Die 19-jährige Melissa Schmitz beschreibt es so:„ Mich hat überrascht, wie störend Nebengeräusche beim Blindenfußball sind.“So wird jedem „Blinden“ ein Sehender zugeteil, der Anweisung gibt, in welche Richtung man sich bewegen soll.

Stufe zwei des Experiments sorgt dann für eine Riesen-Gaudi. Je zwei Hütchen markieren zwei kleine Tore. Je ein „Blinder“ und ein Sehender bilden ein Team, es wird richtig Fußball gespielt. Ein Tor erzielen darf aber nur der Spieler mit der Augenbinde. Und so feuert der jeweils nicht gehandicapte Akteur seinen Partner ständig an – wie eingangs erwähnt. Und er versucht, ihm immer wieder Kommandos zu geben, wohin er sich drehen soll und wann er versuchen soll, gegen den Ball zu treten.

Im letzten Akt des Selbstversuchs üben sich die angehenden Sozialassistenten bzw. Erzieher und Erzieherinnen dann als Rollstuhl-Basketballer. Schon die reine Fortbewegung in dem ungewohnten Gefährt macht einigen am Anfang zu schaffen. Dann aber auch den Basketball alle paar Meter auf den Boden zu tippen oder ihn gezielt zu werfen – das erweist sich als ganz schön schwierig.

Die Besonderheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderung sind ein Schwerpunkt in der Ausbildung an der Schule, erläutert Lehrerin Martina Host-Banz. „Es geht um eine grundsätzliche Sensibilisierung der Schüler, aber auch darum, dass der eine oder die andere eine neue Möglichkeit für einen späteren beruflichen Schwerpunkt entdecken kann.“

Wenn es nach dem 18-jährigen Carlos Lahm geht, dann hat der Projekt-Tag seinen Sinn und Zweck absolut erfüllt:  „Dieser Tag hilft mir sehr dabei, mich entsprechend zu orientieren.“