Der Ball ist nicht nur Robertos Freund
BreitensportWer bei den Titelkämpfen zuschaut, merkt ganz schnell, warum das möglich ist: Hier wird auf erstaunlich hohem Niveau gekickt. Die Behinderung tritt vollkommen in den Hintergrund.
Roberto ist einer der Fußballer, die den Hallenfußball-Landesmeisterschaften ihren Stempel aufdrücken. Der flinke Mann mit der Rückennummer 7 von den Westpfalz Werkstätten Landstuhl trägt seinen brasilianisch anmutenden Namen nicht zu Unrecht: Mit viel Gefühl behandelt er das Spielgerät. Im Alltag ist Roberto Stammspieler in einer pfälzischen Bezirksliga-Mannschaft. Und er ist aktueller deutscher Nationalspieler. Perfekte Ballannahme, eine kurze Drehung, Schuss ins lange Eck, Tor. Der Ball ist eindeutig Robertos Freund.
Auch Jürgen weiß, was es auf dem Fußballfeld zu tun gilt. Er hat seine Nationalmannschafts-Karriere schon hinter sich, ist jetzt jenseits der 50. Aber sein herausragendes Talent wird immer noch bei jeder Ballberührung deutlich. Er hat das Spiel gern vor sich, der filzige Hallenball scheint förmlich an seinem Fuß zu kleben. Immer wieder fordert er die Kugel – und bekommt sie von seinen Mitspielern auch immer prompt. Sie wissen, dass der Ball bei ihm gut aufgehoben ist, auch wenn Jürgen manchmal den klassischen Fehler des herausragenden Mannschaftsspielers macht: Er hält den Ball zu lange, versucht einen Gegner zu viel auszuspielen.
Das überraschend hohe Niveau ist das eine Bemerkenswerte bei den Titelkämpfen, die der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) schon zum 25. Mal ausrichtet. Die Atmosphäre in der Halle ist die andere Besonderheit: Es wird wenig gemeckert, dafür umso mehr angefeuert. Gleichwohl ist der Ehrgeiz nicht minder ausgeprägt, als seien hier Menschen ohne Behinderung aktiv. Um jeden Ball wird gekämpft, bei jeder vergebenen Chance wird gehadert. Die Tore werden umjubelt – allerdings erfrischend ungekünstelt, nicht mit dem oft zu sehenden kitschigen Gehabe von Fußballern ohne geistige Behinderung.
In diesem Jahr hatten sich folgende sechs Mannschaften für die Finalrunde qualifiziert: Südpfalzwerkstatt Offenbach I, ZOAR Rockenhausen, Rhein-Mosel-Werkstatt Kastellaun, Dürkheimer Werkstätten und WfB Fertigung & Service Mainz. Nicht nur wegen Robertos Ballfertigkeit, sondern vor allem dank einer starken Mannschaftsleistung wurden die Westpfalz Werkstätten Landstuhl neuer Landesmeister vor der Südpfalzwerkstatt Offenbach. Platz drei belegten die Fußballer der Rhein-Mosel-Werkstatt Kastellaun.
Das Hallenfußball-Turnier, das der BSV nun schon seit einem Vierteljahrhundert veranstaltet, ist eine insgesamt viertägige Veranstaltung. Nach den Titelkämpfen am ersten Tag versuchen sich die Fußball-Mannschaften, die in diesem Jahr nicht bei der Endrunde dabei waren, an drei weiteren Spieltagen fürs Finale des kommenden Jahres zu qualifizieren. Die Spieler übernachten in Idar-Oberstein und so kommt auch die gesellig Komponente nicht zu kurz. Man kennt sich und man hat sich viel zu erzählen – nicht nur was das Fußballspielen angeht. Nach dem Turnier geht es mit schönen neuen Erlebnissen zurück nach Hause, wo dann viele der Männer mit geistiger Behinderung in ihren Fußballvereinen wieder die Inklusion im Alltag leben.
Autor: Bernd Paetz