Der hohe Wert eines vierten Platzes
Verbandsjugend Leistungsport Vereine Paralympics 2016Blumen für die Sportler und die Unterstützer des Sports
Für Ministerpräsidentin Malu Dreyer war es angenehme Pflicht, den Sportlern auf einem Weg zu einem Termin in Berlin einen Besuch abzustatten.
Launigen Gesprächsrunde

Rheinland-Pfalz ist wegweisend in der Sportlerförderung
BSV: Ehrung der Paralympics-Sportler 2016 in Mainz
Mainz.Medaillen sind schön – aber beileibe nicht das Wichtigste: Die Botschaft war eindeutig beim Empfang zu Ehren der Sportler, die an den Paralympics in Rio de Janeiro teilgenommen haben. Eingeladen dazu hatten der Landtag, der Landesportbund und der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV). Auch wenn die neun Athleten, die für rheinland-pfälzische Vereine an den Start gingen, ohne Edelmetall aus Brasilien zurückkehrten: Es gab viele gute Gründe, sie zu feiern.
Wie schnell sich doch bisweilen Dinge in die richtige Richtung entwickeln können – wenn denn genug Leute gemeinsam am selben Strang ziehen: Im provisorischen Landtag im Mainzer Landesmuseum wurden Erinnerungen an die Paralympics vor acht Jahren in Peking geweckt. Vergleichsweise gering war damals die Aufmerksamkeit, die den Sportlern mit einer Beeinträchtigung zuteil wurde. Acht Jahre später hat sich das Bild enorm zum Positiven gewandelt. Das körperliche Handicap spielt keine Rolle mehr. Sportler mit einer Beeinträchtigung werden genauso gefeiert wie Sportler ohne – und manchmal, so wie in Rio, sogar noch mehr.
Ministerpräsidentin Malu Dreyer brachte es in ihrer Ansprache an die Sportler auf eine kurze Formel: „Es ist Normalität geworden, dass Behinderte große sportliche Leistungen vollbringen. Und es ist Normalität geworden, dass diese Leistung anerkannt wird. Sie sind Vorbilder – nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung. Dass dies alles Normalität geworden ist – das ist das wirklich Wichtige.“
Landtags-Vizepräsident Hans-Josef Bracht konnte als „Hausherr“ im Landesmuseum nicht nur fünf der neun Paralympics-Sportler, die für rheinland-pfälzische Vereine nach Rio gefahren waren, begrüßen, sondern auch viele Vertreter aller im Landtag vertretenen Parteien – ein klares Zeichen der Wertschätzung, die der Behindertensport im Land genießt. Diese Anerkennung kommt nicht von ungefähr. Immer wieder wurde in den Ansprachen und Diskussionsrunden betont, wie ausgeprägt die Vorreiterrolle ist, die Rheinland-Pfalz seit vielen Jahren in Deutschland spielt. Am klarsten wird dies daran, dass die Sport-Förderung im Land seit vielen Jahren keinen Unterschied darin macht, ob ein Sportler eine Beeinträchtigung hat oder nicht. Behinderte und Nichtbehinderte Sportler bekommen gleich viel Geld. Nur die Leistung zählt.
Dass diese Leistung sich nicht nur in Medaillen widerspiegelt, ist die Kern-Botschaft der Sportler-Ehrung. BSV-Präsident Karl Peter Bruch betonte, dass der Verband mit den in Brasilien gezeigten Leistungen „seiner Sportler“ mehr als zufrieden ist. Das Niveau im Behindertensport steige weltweit rasant an, der BSV könne sehr stolz auf das Abschneiden der Athleten sein. Die erfolgsverwöhnten rheinland-pfälzischen Behindertensportler kehrten ohne Edelmetall aus Brasilien zurück – auch weil Top-Athletin Hanne Brenner wegen einer Verletzung ihres Pferdes „Kiwi“ kurzfristig nicht antreten konnte. Sie ließ es sich aber nicht nehmen, genau wie Reiterin Britta Näpel, das Rio-Team nach dessen Rückkehr zu feiern. Für ein leidenschaftliches Auftreten, für großartige Wettkämpfe. Und für sehr gute Platzierungen.
Da ist zum Beispiel der vierte Platz von Maike Hausberger (Trier) im Weitsprung. Die heute 21-Jährige war schon 2012 in London dabei – doch dann folgte eine rund dreijährige Leidenszeit mit vielen Verletzungen. Es war schon eine unglaubliche Leistung, dass sie überhaupt in Brasilien an den Start gehen konnte. Unter diesen Vorzeichen ist ein vierter Platz fast eine Sensation.
Oder Reinhold Bötzel. Der für Rot-Weiß Koblenz startende Leichtathlet wurde Neunter im Hochsprung – war damit aber bester Europäer. Schon als 7-Jähriger verlor er bei einem Unfall den linken Arm. „Damals habe ich rund eine Woche gebraucht, bis ich mir gesagt habe: Du kannst aufgeben oder kämpfen. Ich habe mich fürs Kämpfen entschieden.“ Bötzel zeigte auch, dass es hilft, wenn man mit Humor durchs Leben geht. Er erntete herzhaftes Lachen, als er von seinen Erfahrungen als Kommissar-Double in einem Fernsehkrimi erzählte – in einer Bettszene.
Claudia Schmidt war erst ganz kurzfristig für Hanne Brenner als Nachrückerin ins Rio-Team gerückt. Sie zeigte sich höchst beeindruckt von der Begeisterung, mit der die Sportler in Brasilien vom Publikum unterstützt wurden – faire Anfeuerung, die wenige Wochen zuvor bei den Olympischen Spielen oft vermisst worden war.
Rollstuhl-Basketballer Dirk Passiwan (Trier) lobte ebenfalls das Flair der Paralympics – und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Es ist ja gut, dass bei den Olympischen Spielen vorher immer für die Paralympics geübt werden kann.“ Der Top-Scorer des deutschen Teams, das durch einen sehr unglücklichen Turnierverlauf mit Platz acht zufrieden sein musste, wird seine Tattoos am Oberarm „Peking 2008“ und „London 2012“ bald um „Rio 2016“ ergänzen. Ob auch noch „Tokio 2020“ hinzukommt, ließ er offen – obwohl er ein Ende seiner Nationalmannschafts-Karriere nicht ausschließt.
Genau wie Heiko Wiesenthal (BSG Emmelshausen), der Kapitän des Sitzvolleyball-Teams. Eigentlich will der 41-Jährige, der auf eine unglaubliche Karriere im Behinderten- wie im Nicht-Behindertensport (als Faustballer mit Unterschenkel-Prothese) zurückblickt, international nicht mehr weitermachen. Aber vielleicht überzeugen ihn ja die Appelle, es sich doch noch einmal zu überlegen, die mit viel Applaus bedacht wurden. Die Rio-Erfahrung war auch für ihn rundum positiv: „Die Stimmung im Deutschen Haus war einfach unglaublich.“
So wie auch die Atmosphäre bei der Sportler-Ehrung, deren Fazit ganz schlicht ist: Der Behindertensport ist da angekommen, wo er hingehört: Er ist selbstverständlich geworden. Nicht mehr und nicht weniger.

Logo des BSV


