Ergebnisse 26. Fußball-Hallenturnier in Idar-Oberstein
Breitensport VereineVon Bernd Paetz
Idar-Oberstein. „Spiel nach rechts ab!“ „Jetzt schieß' doch endlich!“ „Toller Schuss, ganz toller Schuss.“ Die Stimmung in der Stadenhalle ist prächtig, die Anfeuerungsrufe und das stimmgewaltige Kommentieren von gelungenen und weniger gelungenen Aktionen sind ganz so wie bei jedem Fußballturnier. Aber etwas ist hier doch anders. Bei allem Ehrgeiz und Siegeswillen wirkt die Atmosphäre einen Tick gelassener als bei anderen sportlichen Wettkämpfen. In Idar-Oberstein gehen an vier Tagen in dieser Woche mehr als 300 Menschen mit mentalen Einschränkungen auf Torejagd – und sie sind mit einem ungeheuren Spaß bei der Sache.
Der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) richtet das Fußball-Turnier nun schon zum 26. Mal aus. Die traditionsreiche Veranstaltung hat auch nach einem Vierteljahrhundert nichts von ihrer Ungezwungenheit verloren. Hier jagen mehr oder weniger junge Männer – und inzwischen auch einige Frauen – dem runden Leder hinterher und versprühen dabei pure Lebensfreude und Leidenschaft. Für viele der Teilnehmer ist das Turnier in Idar-Oberstein der Höhepunkt ihres persönlichen Sport-Jahres.
Eigentlich handelt es sich gar nicht um ein Turnier, sondern um vier Turniere. Der BSV hat seit Jahren beste Erfahrungen damit gemacht, die Teilnehmer in vier Gruppen einzuteilen. In der A-Klasse wird am ersten Tag um den Landesmeistertitel gekämpft, an den drei Folgetagen treten dann jeweils die Mannschaften in der B-, C- und D-Klasse an.
Wer sich mit den Spielern unterhält – zum Beispiel am dritten Tag beim Turnier der C-Klasse – , spürt schnell den Stellenwert, den dieses Turnier für die Teilnehmer hat. Da ist zum Beispiel der 31-jährige Holger, der als Kapitän der Werkstatt Engers aufläuft. Holger sprudelt nur so, wenn er über seine Erfahrungen auf dem Spielfeld berichtet, er ist mit ungeheurem Elan bei der Sache: „Ich bin Stürmer, aber ich spiele auch im Mittelfeld“, sagt er. „Ich muss immer versuchen, Tore zu schießen. Aber es ist auch wichtig, dass man immer seinen Mann deckt.“ Profi-Trainer hätten ihre helle Freude an dieser Einstellung: Abwehrarbeit beginnt ja bekanntlich im modernen Fußball schon ganz weit vorne.
Der 22-jährige Patrick aus Linz am Rhein spielt für die Kompetenzwerkstatt Neuwied. Seit drei Jahren ist er in Idar-Oberstein mit wachsender Begeisterung dabei. Er ist gerade kurz vom Feld auf die Auswechselbank gewechselt und fiebert mit seinen Kameraden während des Gesprächs mit. Und er hat Grund zum Jubeln: Sein Team geht in Führung. Doch nur eine knappe Minute später lässt er seine angespannten Schultern enttäuscht nach unten sacken – gerade haben die Gegner einen Treffer erzielt. „Das ist immer dasselbe bei uns: Wenn wir ein Tor erzielt haben, fangen wir direkt immer eins.“ Patrick selbst hat das natürliche Selbstverständnis eines Stürmers: „Ich versuche immer, in jedem Spiel mindestens ein Tor zu schießen. Bis jetzt habe ich das auch in jedem Spiel geschafft. Ich bin schon ganz schön ehrgeizig.“ Offensichtlich zählt sich bei ihm auch das wöchentliche Training aus: „Jeden Freitag gehen wir in die Halle.“
Danach hat der Reporter ganz offenkundig Tomaten auf den Augen. Als er sich mit Roswitha aus Pirmasens unterhält, mutmaßt er, dass die 33-jährige ja bestimmt Fan des 1. FC Kaiserslautern sei. Empört reckt die fröhliche junge Frau ihre beiden Unterarme nach oben: Sie trägt an jedem Handgelenk ein Schweißband mit dem Emblem des FC Bayern München. Ein Fauxpas war offenbar noch nicht genug. Es folgt die Frage, wie es denn bei ihr persönlich im Turnier läuft: „Sehr gut. Ich habe doch gerade ein Tor geschossen. Hast du das denn nicht gesehen?“ Roswitha arbeitet jetzt schon seit 10 Jahren in der Wohnanlage Pirminius und so lange spielt sie auch schon im Männerteam Fußball: „Wir haben auch schon öfter bei den Special Olympics mitgemacht und schon ein paar Mal den zweiten oder dritten Platz gemacht“, berichtet sie nicht ohne Stolz. „Für mich ist das Gewinnen aber nicht das Wichtigste. Hauptsache, ich bin dabei.“ Roswitha hat zwar kein Problem damit, die einzige Frau im Männerteam zu sein – und man spürt auch, dass sie bei ihren Mitspielern viel Anerkennung genießt. Trotzdem freut sie sich, dass jetzt bald in Pirmasens eine reines Frauenteam gegründet wird: „Dann kann ich jeden Woche spielen.“
Auch der 46-jährige Dirk, der seit 27 Jahren in den Westpfalzwerkstätten Landstuhl arbeitet, stellt das Dabeisein über das Gewinnen. Er hat sich ganz der Abwehrarbeit verschrieben: „Ich spiele immer hinten drin, die meisten treibt es doch nur nach vorne. Aber einer muss ja aufpassen, dass die anderen keine Tore schießen.“ Seit Jahrzehnten spielt Dirk Fußball, aber im Normalfall nur auf dem Feld. „Wir haben vor dem Turnier nur einmal in der Halle trainiert – sonst spielen wir immer draußen.“ Dirk ist auf dem Fußballplatz heute als einer der älteren Akteure aber im Regelfall nicht mehr als Spieler dabei: „Ich bin jetzt meistens an der Seite als Linienrichter.“
So kann Dirk seine Liebe zum Fußball noch viele Jahre leben – wie bestimmt auch Holger, Patrick, Roswitha und die mehr als 300 anderen Fußballer, die sich schon aufs 27. Turnier des BSV im kommenden Jahr freuen.