Viel Ruhe und viel mehr T-Shirts

BSV: Hanne Brenner und Francis Tonleu – wie sich RLP-Spitzensportler in Coronazeiten auf die Paralympics 2021 vorbereiten

Wachenheim/Koblenz. Sie hat in ihrem Sport schon alles erreicht – er fiebert noch dem Höhepunkt seiner Karriere entgegen. Ihr kam die Verschiebung der Paralympics eher gelegen, für ihn bedeutete es ein längeres Warten auf seinen großen Traum. Sie setzt vor allem auf Ruhe und Gelassenheit, er auf seine schier unerschöpflich scheinende Energie. Die Dressurreiterin hat schon an vier Paralympics teilgenommen, der Sitzvolleyballer steht vor seiner Premiere. Hanne Brenner und Francis Tonleu – zwei rheinland-pfälzische Spitzensportler, die vom Behindertensport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV) gefördert werden, auf dem Weg zu den Paralympics in Japan. Zwei Athleten, die in manchen Punkten kaum unterschiedlicher sein könnten. Die aber auch zwei wichtige Gemeinsamkeiten aufweisen: Beide verfügen über ausgesprochen gesunden sportlichen Ehrgeiz und beide sind Menschen mit fast grenzenlosem Optimismus. Das hilft in Coronazeiten ganz besonders.

Hanne Brenner müsste sehr weit ausholen, wenn man sie bitten würde, ihre größten sportlichen Erfolge aufzuzählen – und es ist gar nicht mal sicher, dass sie auf Anhieb keinen vergessen würde. Seit sie 1999 Weltmeisterin wurde, sammelt sie Medaillen – bevorzugt die goldenen. Sie ist mehrfache Paralympics-Siegerin, mehrfache Welt- und Europameisterin, vielfache Deutsche Meisterin, alles sowohl im Einzel wie in der Mannschaft. Aber mit inzwischen 57 Jahren rückt das Karriereende näher – und hätten die Paralympics in Tokio wie geplant 2020 stattgefunden, dann hätte sie diese wohl verpasst.

Wie schon die Spiele in Rio vor vier Jahren, als eine Erkrankung ihres Wallachs Kawango den Traum von der fünften Teilnahme am größten Sportereignis für behinderte Athleten kurzfristig zerplatzen ließ. In diesem Jahr gab es sogar gleich doppelt gesundheitliche Probleme. Ihre Stute Belissima M hatte sich einen Infekt eingefangen und sie selbst war gesundheitlich zeitweise ziemlich angeschlagen. "Die Pause durch Corona kam mir sogar gelegen", sagt Hanne Brenner. "Für dieses Jahr wären wir vielleicht nicht fit genug gewesen. Aber für 2021 sieht es hoffentlich anders aus".

Die Reiterin selbst hat ihre Erkrankung inzwischen überwunden. Damit aber eine Teilnahme in Tokio 2021 möglich wird, muss jetzt auch das hochbegabte Wettbewerbspferd besonders behutsam und wohldosiert trainiert werden. Hanne Brenner und auch ihre Trainerin und Lebensgefährtin Dorte Christensen verfügen über die nötige Erfahrung, um Belissima M und auch die Frau im Sattel in optimalem Tempo wieder aufzubauen. Hanne Brenner ist mit ihrer Stute seit Anfang Juli wieder im Training und sie baut darauf, dass sie das optimale Programm für das Pferd gefunden haben: „Am wichtigsten sind im Moment gymnastische Übungen. Belissima M muss die nötige Grundfitness bekommen, sich dabei vor allem aber wohlfühlen und locker bleiben.“

Dieses „Locker bleiben“ hat auch Hanne Brenner für sich selbst verinnerlicht: „Ich denke immer positiv und was die Spiele in Tokio angeht, bin ich ganz gelassen. Die internationale Konkurrenz ist in den vergangenen Jahren viel stärker geworden, deshalb messe ich den Erfolg nicht nur an Medaillen, obwohl ich mir schon Chancen ausrechne. Um ganz vorne dabei zu sein, braucht man auf jeden Fall auch das nötige Glück. In meiner Startklasse bin ich fasr die einzige, die Gehhilfen benötigt – das relativiert dann auch immer das Abschneiden im Wettbewerb.“

Viel wichtiger als eine weitere Trophäe in ihrer umfangreichen Sammlung ist ihr, dass ihre Stute sich sehr gut entwickelt. „Belissima M hat das eher ruhige Jahr sehr gut getan, sie ist auf einem hervorragenden Weg. Wir schauen einfach mal, wo der Weg dann genau hinführt.“

Das Kadertraining ist inzwischen wieder angelaufen, aber alles läuft natürlich unter strengen Corona-Auflagen. Dass sie viel zuhause auf der Reitsportanlage in Rheinhessen trainieren kann, ist für die erforderliche Ruhe im Aufbautraining ein wichtiger Faktor – genau wie die noch ausreichende Vorbereitungszeit für die Paralympics, die vom 24. August bis 5. September 2021 ausgetragen werden sollen. „Belissima M braucht noch Zeit – aber die haben wir ja.“ Hanne Brenner hat weitere paralympische Erfolge wieder fest im Blick.

Francis Tonleu verfügt zwar noch nicht über eine so beeindruckende Medaillensammlung wie die Dressurreiterin, aber der Sitzvolleyball-Nationalspieler aus Koblenz ist mit ihr auf Augenhöhe, was gesunden Ehrgeiz und optimistische Grundeinstellung angeht. Die Paralympics in Tokio sind sein großes Ziel – und dafür nimmt er eine Menge auf sich.

„Ich muss jeden Morgen um 4 Uhr aufstehen, um mein Programm absolvieren zu können“, sagt er fast beiläufig. Denn er macht es ja freiwillig und er weiß, wofür er das tut. „Der Tag beginnt mit einer Stunde Workout. Das muss ich so früh machen, weil ich später dafür keine Zeit habe.“

Nach dem Ganzkörpertraining zu nachtschlafender Zeit beginnt für den 43-Jährigen ein Tagespensum, dass nur mit großer Disziplin zu bewältigen ist. Er betreibt mit einem Freund ein Abbruch- und Recycling-Unternehmen in Andernach, das seine volle Arbeitskraft erfordert. Die nötige Zeit fürs aufwendige Training muss er sich entsprechend von der Uhr absparen.

Und aufwendig ist es, in diesen Corona-Zeiten Sitzvolleyball-Nationalspieler zu sein. Das  Kadertraining, zu dem er mit seinem Koblenzer Team-Kollegen Heiko Wiesenthal mit dem Pkw fährt – öffentliche Verkehrsmittel meiden beide zur Zeit – findet in Leverkusen statt, an jedem zweiten Wochenende. Hinzu kommen Corona-Tests, die alle zwei Wochen im Koblenzer Brüderkrankenhaus anstehen. Ab Januar wird die Vorbereitung dann noch dichter getaktet. Dann wird an jedem Wochenende trainiert – und entsprechend auch wöchentlich aufs Virus getestet.

Francis Tonleu nimmt es gelassen und mit Humor: „Das klappt alles ganz gut, wir haben uns an die vielen Auflagen mit häufigem Händewaschen, Desinfektion und Abstand halten ganz gut gewöhnt. Der größte Unterschied ist eigentlich, dass wir viel mehr T-Shirts brauchen. Wir dürfen nämlich nicht in der Halle duschen, sondern immer erst im Hotel. Und deshalb wechseln wir dauernd die Klamotten.“

Die entscheidende Hürde auf dem Weg nach Japan müssen der gebürtige Kameruner, der als Junge von einem Mangobaum fiel und seitdem mit einem steifen Fuß lebt, und seine Nationalmannschaftskollegen im Februar nehmen. Dann steht das Qualifikationsturnier mit sieben Mannschaften an, von denen nur eine nach Tokio reisen darf. „Das werden wir sein, da bin ich ganz sicher.“ Francis Tonleu hat keine Zweifel daran, dass die deutsche Mannschaft sich in Japan mit den Besten der Welt messen wird.

Dafür reicht das Wochenendtraining natürlich nicht aus. Die drei rheinland-pfälzischen Nationalspieler treffen sich zu einer weiteren Einheit einmal pro Woche in einer Koblenzer Halle, was nur möglich ist, weil der deutsche Behindertsportverband dafür die Kosten trägt. Wie auch für die Corona-Tests und für das Online-Athletiktraining, mit dem die Sportler in Lockdown-Zeiten unterstützt werden.

Es wird noch viele verschwitzte T-Shirts brauchen – aber das zählt für Francis Tonleu nicht. Die Paralympics in Tokio sind sein großer Traum. Und um den zu leben, dafür wird er alles tun.

Francis Tonleu
Hannelore Brenner mit Belissima M