Von Warendorf zum Zuckerhut-deutsche Sitzvolleyballer bei Paralympics 2016 in Rio dabei
LeistungsportEM Halbfinale:
Deutschland-Russland 3:2 (18:25, 26:24, 23:25, 25:21, 15:13)
Jürgen Schrapp steht am Spielfeldrand. Er hält die Tafel mit der Nummer 5 in der Hand. Stefan Hähnlein verlässt das Feld und Schrapp nimmt seinen Platz als Angreifer auf dem Spielfeld ein. Es steht 13:13 im fünften Satz des EM Halbfinales zwischen Deutschland und Russland. Torben Schiewe schlägt auf. Die Russen nehmen gut an und bringen ihren Top-Angreifer in aussichtsreiche Angriffsposition.Savitchev holt aus, trifft den Ball nicht optimal und kann anschließend nur noch zuschauen, wie der Ball vom deutschen Block abgewehrt wird und auf den Hallenboden aufspringt. 14:13. Jürgen Schrapp war mit seinen schnellen Händen zur Stelle und erzielt den nächsten Punkt für die Deutschen. Matchball. Den deutschen Aufschlag kann der Gegner nur sehr schlecht verarbeiten. Der Ball kommt im hohen Bogen ins Feld von Wiesenthal & Co. zurück, landet bei Sayilir, welcher den deutschen Routinier gekonnt in Szene setzt. Schrapp greift diagonal an. Doch die Osteuropäer schaffen es erneut den Ball in die deutsche Feldhälfte abzuwehren. Alexander Schiffler spielt Heiko Wiesenthal das runde Spielgerät zu. Dieser überlegt kurz, ob er direkt angreifen soll. Doch er sieht den wesentlich besser positionierten Jürgen Schrapp. Butterweich, mit viel Gefühl, serviert der Kapitän seinem Zimmerkameraden diesen unsagbar wichtigen Ball auf dem Silbertablett. Für einen kurzen Moment erstarrt die Tribüne, mit den rund 500 enthusiastischsten Fans in Schockstarre. Das Fallen einer Stecknadel würde in dieser Sekunde einem Erdbeben gleich kommen. Schrapp rutscht an, holt in seiner unnachahmlichen Art aus und versenkt den Matchball gnadenlos in der russischen Feldhälfte. 15:13. Deutschland hat sich gerade für die Paralympischen Sommerspiele 2016 in Rio qualifiziert!
Was danach folgt, ist grenzenlose Freude pur! Die deutschen Spieler laufen zu ihren mitgereisten Fans oder liegen sich weinend in den Armen.
Vor diesem finalen Ball liegt ein hart umkämpfter Fünf-Satz Thriller, den selbst Hitchcock nicht besser hätte schreiben können.
Jedoch begann das Spiel für das Team von Bundestrainer Rudi Sonnenbichler denkbar schlecht. Russlands stärkster Aufschläger Savitchev konnte seine Mannschaft mit einer gut vorgetragenen Aufschlagserie schnell mit 7:0 in Führung bringen. Zwar fanden anschließend Christoph Herzog und Co. endlich ins Spiel, doch am Vorsprung der Russen war nichts mehr zu machen. Folgerichtig ging der 1. Satz mit 25:18 an die Männer vom Ural.
Doch im zweiten Durchgang startete die deutsche Mannschaft wesentlich selbstbewusster und aggressiver ins Spiel. Zur ersten technischen Auszeit lag man souverän mit 8:4 in Führung. Angepeitscht von einem erneut bärenstarken Heiko Wiesenthal, besannen sich die Deutschen Spieler auf ihre kämpferischen Tugenden. Zwar schaffte Russland beim Stand von 19:19 nochmal den Ausgleich, aber eine starke Angriffsphase von Barbaros Sayilir sicherte letztendlich den 26:24 Satzgewinn.
Völlig ausgeglichen gestaltete sich dann der dritte Spielabschnitt. Russland lag ständig mit 1-2 Punkten in Front, aber Deutschland blieb konstant am Ball. Beim Stand von 23:23 kannte dann die Spannung keine Grenzen mehr. Doch es waren die Russen, die sich durch zwei brillant vorgetragene Spielzüge den Satz mit 25:23 sicherten.
Somit war also klar, dass der EM-Gastgeber nun keinen Satz mehr verlieren durfte. Angetrieben vom lautstarken Publikum legten sie einen furiosen 4:0 Start hin. Doch die Truppe um Trainer Viktor Kafelnikow ließ nicht locker und konnte sogar eine 16:15 Führung bei der zweiten Auszeit verbuchen. Dieses Mal war es vor allem Torben Schiewe und Stefan Hähnlein zu verdanken, dass Deutschland wieder zurück ins Spiel fand. Mit starken Blockaktionen konnten beide nun mehrfach punkten. 25:21 hieß es aus deutscher Sicht am Ende des 4. Satzes.
Wie bereits in der Vergangenheit mehrfach geschehen, musste also einmal mehr der Tiebreak, in diesem hochklassigen Spiel, über Sieg und Niederlage entscheiden.
Hier schien Russland die deutlich besseren Karten zu haben. Punkt um Punkt zogen die Osteuropäer nun davon. Beim letzten Seitenwechsel des Spiels stand eine komfortable 8:3 Führung auf der russischen Habenseite. Aber auf die deutschen Fans war Verlass. Lautstark peitschten sie ihr Team weiter voran. Allen voran sorgte Alexander Schiffler in dieser schweren Phase für wichtige Punkte. So gelang dem deutschen Team der vielumjubelte Ausgleich zum 9:9. Aber diese Euphorie wurde von den Russen jäh gestoppt. 11:13 stand es plötzlich aus deutscher Sicht und der Sieg rückte in weite Ferne. Jedoch schien der deutsche Gegner nun seine Nerven nicht mehr im Griff zu haben. Zwei leichtfertige technische Fehler führten anschließend zum 13:13 Ausgleich.
Und dann stand plötzlich Jürgen Schrapp am Spielfeldrand und hielt die Tafel mit der Nummer 5 in der Hand....
,,Das war heute mal wieder ein unglaublich intensives Spiel gegen unseren Erzfeind. Wir waren zu Beginn etwas nervös und haben mussten deshalb den 1. Satz verdient abgeben. Doch unser Team hat über eine geschlossene und kämpferische Mannschaftsleistung zurück ins Spiel gefunden. Im Tiebreak lagen wir dann bereits aussichtslos hinten. Aber auch hier haben wir nie aufgegeben und immer an uns geglaubt. Deshalb der geht dieser Sieg auch absolut in Ordnung. Unser erstes Ziel haben wir mit der Qualifikation für Rio nun erreicht. Doch jetzt ist unsere Mannschaft auch heiß auf's Endspiel gegen Bosnien. Natürlich ist der aktuelle Weltmeister und Paralympic-Sieger der klare Favorit. Aber mit unseren tollen Fans im Rücken ist alles möglich.''
Aufstellung: Wiesenthal-Schiewe-Sayilir-Herzog-Hähnlein-Schiffler
Ergänzungsspieler:Albrecht-Tigler-Vogel-Schiwy-Schu-Schrapp
Finale: Mittwoch 15:30 Uhr Deutschland-Bosnien
TV-Tipp: Samstag 10. Oktober 16:50 Uhr im WDR Fernsehen: 30 Minuten Bericht über das deutsche Team bei der Sitzvolleyball EM 2015
Christian Heintz
Team Manager Sitzvolleyball Nationalmannschaft